Geschichte der Epilepsie

Die Geschichte der Epilepsie ist eher eine Geschichte ihrer Betrachtung. Noch heute halten viele Menschen Epilepsie für ein Unglück oder gar für eine Geisteskrankheit. Wenn sich diese Betrachtung einer Krankheit so hartnäckig in einer "aufgeklärten" Welt hält, wie muss es erst früher gewesen sein?

Die Zuckungen, Geistesabwesenheit, Tiefschlaf und überhaupt, das ausreißen aus dem gewohnten Tagesablauf deutete für die Menschen auf etwas überirdisches hin. So jemand musste besessen sein. deshalb ist die Behandlung von Epilepsie zu beginn erst einmal in der Dämonologie zu suchen, nicht in der Medizin. deswegen wurden sie - gleich pest- und leprakranke - aus der Gesellschaft verbannt. Aber das christliche Abendland hatte auch für diesen Fall Schutzheilige parat, entweder zum Schutz vor Epilepsie oder aber zum dank für wundersame Heilung, was bei Epilepsie sehr wohl vorkommen kann, da sie nicht selten auch aufhört. St. Valentin ist der Schutzheilige, und er findet sich z.b. in Rufach/Elsass oder in Kiedrich im Rheingau, wo heute noch Wallfahrten stattfinden.

Epilepsie wurde als Schande vertuscht, oft innerhalb der Familien, oft (heute noch!) von den Betroffenen selbst, aber auch gegenüber der umwelkt. Man wagte nur im Flüsterton darüber zu sprechen und gab ihr eine ganze menge von Bezeichnungen, die Epilepsie mit anderen Worten umschrieben.

Steinschneider Dämonen und Geister und sonstige übernatürliche Erscheinungen wurden und werden nicht mit Medikamenten behandelt, sondern mit jeder Menge Hokus-Pokus, die für die Betroffenen oft schlimme Folgen hatten. Eine Befreiung von dämonischen Geistern sollten zum Beispiel Bohrlöcher in der Schädeldecke bewirken, damit sie entfliehen können. Die gefürchteten Steinschneider sollten den Stein der Fallsucht "operativ" entfernen.

Auch die Exorzisten gehörten zum Kreis der "Behandelnden", die den Befallenen das Leben noch schwerer machten oder in ihrem religiösen Wahn gar ganz auslöschten.

Man sieht also, das der Umgang mit Epilepsie über Jahrtausende hinweg geprägt war durch das "kulturelle" Bild und nicht im Bewusstsein, daß es sich hierbei um eine Krankheit handelt. Dabei zeigte Hippokrates (460 – 370 v.u.z) schon vor 2.000 Jahren die Richtung an: "... mit der sogenannten heiligen Krankheit verhält es sich folgendermaßen: ich halte sie um nichts für göttlicher oder heiliger als die anderen Krankheiten, sondern sie hat die gleichen natürlichen Ursachen wie die übrigen Krankheiten. Weil sie nichts davon wissen und sich darüber wundern, und weil sie so ganz anders ist als andere Krankheiten, glauben die menschen sie sei etwas besonderes und geradezu göttliches. Daran halten die Menschen fest, die ratlos bleiben und die den wahren Charakter der Krankheit nicht erkennen."

Graue Busse Leider ist diese Sichtweise keine Angelegenheit der früheren Geschichte. Mit zunehmender Industrialisierung wurde [und wird] im 20. Jahrhundert der Mensch nach seiner Verwertbarkeit bewertet. Grausamster Höhepunkt ist die Euthanasie, die "Tötung lebensunwertes Lebens" in Nazideutschland in der Zeit des zweiten Weltkrieges. Hier trafen sich zwei Aggressionsebenen: zum einen die faschistische Ideologie der Rassenreinheit, eine sozialdarwinistische Lehre, die Menschen in gut und schlecht beurteilte und genetisch durch "sauberes Erbgut" rein gehalten werden sollte. Zum zweiten die Zuordnung von Menschen mit Epilepsie zu geistig Behinderten, ein Vorurteil, dass sich bis heute oft gehalten hat. mit der sogenannten Aktion "t4" wurden über mehrere Jahre hinweg über 70.000 Menschen mit Behinderungen aller art vergast und ermordet. Das bild zeigt einen der sogenannten grauen Busse (mit zugemalten Fensterscheiben), deren fahrt in den Tod führte.