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Hausarbeit

Funny, Sonntag, 07. Januar 2018, 13:39 (vor 220 Tagen)

Hallo zusammen,

ich schreibe eine Hausarbeit, zum Thema Krankenpflege im Nationalsozialismus, für die Uni. In meinem Fazit möchte ich als Beispiel darauf eingehen, dass Epi auch heute noch mit schweren Vorurteilen behaftet ist. Und dass das mit den damaligen Ansichten zusammenhängt.

Ich muss dazusagen, dass ich selbst Epi habe, und aus Erfahrung in der Öffentlichkeit vorsichtig mit meiner Krankheit umgehe.
Nun zu meinem Anliegen, mich würde interessieren, welche Erfahrungen Ihr gemacht habt bzw. Ihr meine Ansichten zu den Vorurteilen teilen würdet.

freue mich auf Eure Antworten
funny

Hausarbeit

Anton, Sonntag, 07. Januar 2018, 18:02 (vor 220 Tagen) @ Funny
bearbeitet von Anton, Sonntag, 07. Januar 2018, 18:08

Hallo Funny,

leider hat sich fortgesetzt, was zur Zeit des Dritten Reiches gewesen ist. So wie die Kirchen während der Nazi-Zeit Geld dafür genommen haben, weil sie Belege darüber liefern konnten, ob jemand ein lebenswertes oder nicht lebenswertes Leben führt, so haben Bischöfe nach dem Krieg minderjährige Abhängige in den Heimen und Internaten sexuell missbraucht und sich bis heute nicht dafür entschuldigt. Ein gutes Beispiel ist auch Freistatt, die von Bethel geführte Fürsorgeeinrichtung.

Es ist allgemein bekannt, dass die Herkunft von jungen Menschen über das spätere Leben entscheidet. Ebenso ist bekannt, dass die ersten Lebensjahre die alles entscheidenden Jahre sind. Ein an Epilepsie erkrankter Mensch kann sich in dieser Zeit nicht so entwickeln wie ein Gesunder. Die Defizite begleiten den Betroffenen bis ans Lebensende.

Ich bin erst mit 25 an Epilepsie erkrankt. Ein Gespräch, zum Beispiel mit einem Mediziner, ist heutzutage solange auf normalem Level möglich, wie nicht bekannt ist, dass ich an Epilepsie leide. In dem Moment, in dem er davon erfährt, zum Beispiel nach Lesen der aktuellen Medikation, fällt die Klappe, mit der Normalität ist es dann vorbei.

Solange man sich zur Wehr setzen kann, sehe ich keine Probleme. Bei Kindern und älteren Menschen ist es schon schwieriger, da besteht die Gefahr des emotionalen Missbrauchs, sofern Beschützer oder Angehörige nicht vorhanden sind.

Viel Erfolg bei der Arbeit wünscht
Anton

--
und übrigens: Freundlichkeit ist eine Zier, doch es geht auch ohne ihr...

Hausarbeit

morti, Montag, 08. Januar 2018, 00:14 (vor 220 Tagen) @ Funny

Hallo Funny,

ich hatte viele Probleme über Jahre verheimlicht. Irgendwann gab es keinen Ausweg mehr. Bis zur Diagnose dauerte es auch noch zwei Jahre, wobei die Erkennung der Basiserkrankung zusätzlich fünf Jahre dauerte (ebenfalls die Verarbeitung ... 8 Jahre). Egal. Heute weiß ich, woran ich bin und nehme kein Blatt mehr vor dem Mund. Es ist nicht ganz einfach soweit zu kommen, aber so prüfe ich für mich, wer als Ansprechpartner in Betracht gezogen werden kann. Es ist ein Selbstschutz. Die Kunst dabei ist es, meinem Gegenüber eine Chance auf gleicher Augenhöhe zu geben und das Beste daraus zu machen.
Fazit aus den eigenen Erfahrungen: Es gibt eine gewisse Kommunikationsbereitschaft Nichtbetroffener in der heutigen Zeit. Gibt es dabei einen Konsenz auf der Grundlage der Gleichberechtigung und gegenseitigen Achtung, so sind auch Erfolge möglich.

Ich wünsch Dir viel Glück bei der Hausarbeit.

MfG Morti

Hausarbeit

Petrus, Saarland, Montag, 08. Januar 2018, 01:46 (vor 220 Tagen) @ Funny

hallo Funny,
Ja, ja das mit den lieben Vorurteilen gegenüber EPI ist mir bestens bekannt.
Wobei ja nicht unbedingt über die Kenntnis der Krankheit sondern über dein Verhalten mit der Krankheit oft Stein des Anstoßes ist.
Ein Beispiel in dem ich auch gleich auf den Nazivergleich kommen werde.
Ich habe die Krankheit seit 45 Jahren dies nur am Rande.

In den 90 er Jahren war ich mal mit einem Skiclub in Wintersport, wir waren ne lustige Truppe und ich auch solo, aber egal.
Also wer schon mal in Skiurlaub war der weiß dass es dort nie ohne Alkohol geht, außer man ist Epileptiker, und so auch in diesem Urlaub.

Ich trank natürlich wie immer keinen Alk und hatte meinen Spaß, mehr als manch anderer mit 2promille, ich weiß bis heute nicht weshalb aber irgendwann meinte jemand ich solle doch auch endlich mal Alkohol trinken und nicht immer nur Kaffee und Säfte.

Vielleicht lag es an meinen langen Haaren die mir Gott sei dank bis heute erhalten blieben oder daran dass ich immer nen Spruch parat hatte und die besten Witze auf Lager.

Jedenfalls kam dann irgendwann der Spruch und dies ist nun ein Zitat

"bei Adolf hätten wir Leute wie dich an die Wand gestellt und abgedrückt"

Für mich war dann der Urlaub erst mal gehalten, es gab gerade wegen des Alktrinkens immer wieder Diskussionen oder Taten wie Kopfwäschen mit Bir und ein Par Leute halten einen dann fest usw.

Ich stellte mir oft vor wie gehen die Menschen denn erst mit dir um wenn sie wissen dass du Epilepsie hast, oh Gott.

Ich entschied mich für schweigen und bin nie mehr in Wintersport gefahren.

Euch allen ne Anfallsfreie Zeit LG Petrus

Hausarbeit

sandytimmy, Montag, 08. Januar 2018, 23:16 (vor 219 Tagen) @ Funny
bearbeitet von sandytimmy, Montag, 08. Januar 2018, 23:21

Ich erzähle es leuten die es entweder wissen sollten, z.b. früher meinem Chef, dem auch nur damit keiner in Panik Gerät nur wegen eines Anfälle und damit die Leute wissen was zu tun ist.
Ansonsten nur wenn sich das Thema durch Zufall ergibt.
Die meisten reagieren mit Interesse da die Mehrheit kaum etwas darüber weiß und wenn dann nur ganz melodramatische Anfälle. Nicht so was harmloser aussehendes wie einfach oder komplex fokale Anfälle.
Ich steh offen dazu, kläre auf. Ich erzähle es nur selten weil es sich selten ergibt.
Warum auch? Sonst müsste ja jeder jedes wehwehchen erzählen. Über Krankheiten
spricht man mit flüchtig bekannten doch nur wenn man sich schon übers Wetter unterhalten hat

Hausarbeit

Candela, Dienstag, 09. Januar 2018, 13:02 (vor 218 Tagen) @ Funny

Ich habe die Erfahrung gemacht, dass die meisten es nicht die Bohne interessiert, dass ich die Diagnose Epilepsie habe. Ich habe sie nur Bekannten gegenüber erwähnt, und die haben entweder gleich abwehrend reagiert oder eben gleichgültig. Teilweise nach dem Motto: Es könnte doch sein, dass sich dieser Wald-und Wiesen-Neurologe getäuscht hat.

Mein ehemaliger Chef wusste nichts davon. Zwischenmenschlich hat es bei uns eh nicht funktioniert und er hätte noch mehr Vorurteile gehabt, wenn er von meiner Epilepsie gewusst hätte.
Meine Eltern wissen auch nichts davon, weil es sie zu sehr aufregen würde. Ich möchte nicht, dass sie sich ständig um sich sorgen und immer denken müssten, dass bei mir irgendwas schlimmes passieren könnte.

Hausarbeit

Heidi, Samstag, 13. Januar 2018, 10:24 (vor 214 Tagen) @ Funny

hallo Funny,
ich bin 76 Jahre alt und habe den Krieg nur als kleines Kind erlebt. Aber die Nachwirkungen der NS-Zeit habe ich wohl mitgekriegt. Die damalige Situation war ja erschreckend. Ich habe das in einem Blog aufgeschrieben: https://epilepsie-reutlingen.jimdo.com/2012/05/14/epilepsiebehandlung-1960-und-2010/
lieber Gruß
Heidi

Hausarbeit

Anton, Montag, 15. Januar 2018, 12:25 (vor 212 Tagen) @ Funny

Hallo Funny,

wir müssen nicht weit zurückblicken, selbst in den 60er und 70er Jahren hat man die Schwächsten der Schwachen in Heimen noch missbraucht mit Medikamentenversuchen und Tests, in diesem Fall u. a. mit der Lumbalpunktion. Weitere Info erhältst Du bei Eingabe „Heimkinder als Versuchskaninchen missbraucht“. Eine Reportage des NDR Fernsehens.

Liebe Grüße
Anton

--
und übrigens: Freundlichkeit ist eine Zier, doch es geht auch ohne ihr...

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sandra79, Donnerstag, 18. Januar 2018, 10:54 (vor 209 Tagen) @ Funny

Hallo Funny,

schön dass du das Thema mit aufgreifen möchtest.

Bei mir war es ähnlich wie bei den anderen (habe seit 25 Jahren Epi). Wenn ich es sage, z.B. beim Bewerbungsgespräch bzw. beim Chef/Kollegen haben die da angeblich überhaupt kein Problem... solange nichts passiert. Sollte das der Fall sein bin ich schneller wieder draußen wie ich gucken kann :-(

Freunde und Bekannte wissen es eigentlich alle, wer da nicht umgehen kann - den brauch ich nicht! Oft ist allerdings auch so, dass die richtigen Freunde und Familie ein bisschen "überforsichtig" ist. Da hilft nur durchsetzen.

Vielleicht könntest du das ja sogar mit in deiner Arbeit einbringen - Wie andere damit umgehen??

Mittlerweile sag ich das eigentlich immer. Verbergen kann ich es bei mir eh nicht wirklich.

Als es bei mir noch nicht festgestellt war wurden meine Eltern beschimpft, sie würden sich nicht um ihre Tochter kümmern - da könnten nur Drogen oder Alk im Spiel sein. Absoluter Schwachsinn. Als es dann endlich fest stand hat mir ein Assistenzarzt gesagt dass ich jetzt keine Kinder bekommen dürfte, die würden dann alle behindert auf die Welt kommen. Aber damals hab ich das für wahre Münze genommen, wussten ja noch selber nichts über die Epilepsie.

Ausgehen und Alk? Ja manchmal aber in Maßen. Ich brauch keinen Alk um einen guten Abend zu haben und ich schau allerdings auch, dass ich nicht zu spät ins Bett komme.

Ich wünsche Dir auf jeden Fall viel Erfolg :-)

LG
Sandra

Hausarbeit

spechti04 ⌂ @, Uttendorf, Donnerstag, 18. Januar 2018, 20:49 (vor 209 Tagen) @ Funny

Hallo Funny, ich hab auch Epilepsie.

wollte eigentlich Krankenschwester werden, hatte aber im Praktikum einen Anfall, und wurde darauf hin höflich gebete das Praktikum und die Ausbildung freiwillig abzubrechen. :-(

habe ich gemacht.:-(

dannach war ich in einem Gasthaus in der Küche.

hatte auf dem Arbeitsweg aber auch einen Anfall und auch da wurde ich entlassen. NUR wegen der Epilepsie.

Also ich finde man könnte Menschen mit Epilepsie genauso in die Arbeitswelt integrieren aber ja. Keine Maschine, nicht fahren,..... kacke.

Lg Kerstin

--
Spechti

Hausarbeit

sandytimmy, Donnerstag, 18. Januar 2018, 21:34 (vor 209 Tagen) @ spechti04

Die Einschränkungen find ich aber nachvollziehbar. Viele machen während eines anfalls irgendwelchen Unsinn. Z.b. bei komplex fokalen Anfälle.
-Pflege kann man andere in Gefahr bringen. Z.b. nicht reagieren bei Notfällen.....
-In Fabriken kann man sich oder andere verletzen, in Gefahr bringen
-In Küchen kann man sich verbrühen oder verbrennen. Hab mir mal die Knöchel auf ein angeschaltetes ceranfeld gehalten. Brandblasen war das Ergebnis.
-Im Straßenverkehr kann ich irgendwen totfahren
Und, und, und.....
Versetz dich mal in die Rolle der Opfer davon oder des Chefs der im haftungsfall daran pleite geht
Denk immer dran: für solch einen Schwachsinn muss immer der Arbeitgeber haften. Kann teuer werden

Hausarbeit

spechti04 ⌂ @, Uttendorf, Sonntag, 21. Januar 2018, 09:48 (vor 206 Tagen) @ sandytimmy

Hallo sandy....

ich kann es ja jetzt auch verstehen, aber damals als Teeny versteht man so gewisse sachen nicht, und will auch nicht glauben das man krank ist.

Lg

--
Spechti

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stepl, Samstag, 20. Januar 2018, 23:14 (vor 207 Tagen) @ Funny

Hallo

Ich habe Schlafepilepsie. Offen trat sie eigentlich erst mit 14 auf. Mein Vater war Kinderarzt, später Prof. für Kinderheilkunde. Vor der Schule trat was auf, was ihn nachdenklich machte. Ich erfuhr es erst später, als unsere Eltern geschieden waren. Als ich mal in den Ferien da war, hat er ein EEG gemacht. Das lange Papierband habe ich immer noch. Ich bekam den Anfall in der Badewanne. Unsere Mutter war Hebamme. Sie wusste auch daher Bescheid, dass es kein Kreislaufkollaps war, wie der gerufene Notarzt dachte.

Die Erwachsenen regten sich über vieles auf. Was sie alles ändern wollen!
"Es regnet. Egal ob ich will oder nicht!" -- Wie das Bewusst machen, dass es Dinge in unserem Leben gibt, die nicht von unserem Leben abhängig sind!
"Ich lerne ja Sprechen! Was ist wichtiger? Sprechen lernen!" - wie die kurzen Gedanken: Ich will ja Sprechen lernen. Sprechen lernen, ich kann nicht einfach bockig werden und sagen "Ich will nicht"
"Jedes Kind lernt laufen! Jedes Kind lernt Sprechen! ,Jedes Kind auf der Welt lernt laufen!' ,Jedes Kind auf der Welt lernt Sprechen!'" rechtfertigte ich mein ,ist wichtiger'
-- am Nächsten Tag bemerkte ich, wie aufmerksam ich dem Lehrer zuhöre.
Bewusstseinsänderung: Was ich vorher unbewusst machte, machte ich jetzt bewusst: zuhören. Erzählte ich vor kurzem meinem Verhaltenstherapeuten.

Am Anfang sprachen wir von Gegenstandswörtern. Das neue Wort Substantiv behielt ich nicht. Tisch, Stuhl, Ball, Papier - sind Gegenstände. Sie kann ich sehen und anfassen!
Substantiv, Epilepsie, Depressionen - sind keine Gegenstände. Ich kann sie nicht sehen und anfassen! - ich bezeichne sie als Begriffe!

Epilepsie ist ein Begriff. Wie weit begreift der andere, was damit gemeint ist?

Was gibt es wirklich? Was kann ich sehen und anfassen? -- was gibt es nur in unserem Kopf?


Epilepsie ist ein Substantiv, ein Gegenstandswort. Aber es ist kein Gegenstand! Daher gehen die Vorstellungen "Was ist eine Epilepsie" Auseinander!
"Ich weiß ich bin doof." -- kein Mensch ist allwissend - als zähle ich mich dazu, so weiß ich auch, dass daher viele Menschen nicht wissen, was Epilepsie ist.


gruss stepl

Hausarbeit

stepl, Sonntag, 11. Februar 2018, 18:31 (vor 185 Tagen) @ Funny

Hallo

Die Epilepsie tanzt auf dem Tisch!

In dem Thema Burnout ging es auch darum: "Gedanken von der Realität trennen"
Der Tisch ist Realität! -- die Epilepsie ist nur ein Gedanke im Kopf!

gruss stepl

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