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Erfahrungsberichte für meine Facharbeit

morti, Donnerstag, 11. Januar 2018, 04:05 (vor 137 Tagen) @ Desi

Hallo Desi,

Ich versuche mal die Fragen zu beantworten.

Um die Frage nach dem ersten Auftreten der Auren beantworten zu können, ist es sinnvoll, die von mir beobachteten Auren zu definieren. Weiterhin ist die Basiserkrankung zu betrachten, da bei mir hier aus ärztlicher Sicht ein kausaler Zusammenhang diagnostiziert wurden ist. Die Basiserkrankung ist eine zAVM (zerebrale arteriovenöse Malformation). Diagnostiziert wurde sie durch ein MRT (in Notfällen geht auch ein CT). Für eine genauere Strukturerfassung ist ist eine DSA ratsam. Bisherige medizinische Erkenntnisse weisen darauf hin, daß bei mir eine angeborene Erkrankung vorliegt (eine genauere Dokumentation kannst Du in den Leitlinien der DGN finden). Jedenfalls wurde bei mir eine symptomatische bisher nicht ruptierte zAVM diagnostiziert. Es können hierbei neurologische Defizite bis hin zur Epilepsie auftreten.
Ich hatte in den jungen Jahren (als ich nichts über meine Situation wußte) auch mit psychoaktiven Substanzen experimentiert. Genau diese Erfahrungen daraus nutze ich heute. Hierzu muß ich aber auch sagen, daß ich diese 'Selbstversuche' nicht zur Problemlösung (sprich: sinnlose Betäubung) nutzte. Ich hatte ja schon im ersten Posting erwähnt, daß bei mir verschiedene optische Auren auftreten. Ich zähle mal alle in meiner Statistik verwendeten Auren/Defizite auf und versuche sie in einer Kurzform zu umschreiben. (in der ersten Spalte befindet sich mein subjektiver Begriff; die zweite Spalte ist relevant)
Punkte: vor dem realen Bild bewegen sich kleine leuchtende Punkte
Tiefe: Entfernungen und Größenrelationen werden irreal wahrgenommen (zB. Stell Dir vor, du seiest bei Laufen auf der Straße größer als 3 Meter...)
Tunnel: das Sichtfeld (normalerweise ein Oval) ist auf einen reduzierten Kernkreis verkleinert wurden ... der Außenbereich bleibt unverarbeitet ... 'schwebt an einem vorbei'
Diaginale: eine helle blitzartige Linie zerreißt das Sichtfeld; nur eine Hälfte wird erfaßt; die Linie bewegt sich
Gleichgewicht: taumelnde Bewegung beim Laufen (ps.Linksdrall)
Schwerelosigkeit: das eigene Körpergewicht fehlt; das Belastungsgefühl beim Laufen entfällt, als ob man fliegt...
Konzentration: zusammenhängende Gespräche werden inhaltlich nicht erfaßt; tritt auch beim Lesen von Texten auf
Gehör: verschiedene Signalquellen können nicht differenziert werden
Die ersten Erscheinungen (Punkte, Tiefe, Gleichgewicht...) traten bei mir etwa ab dem 12. Lj. auf. Da sie aber sehr unscheinbar sind, hatte ich sie ignoriert. Solche Erscheinungen können auch Blutkreislufproblemen auftreten. Mittlerweile bin ich 50. Erste Verdachtsmomente traten auf, als ich 26 war und im Abstand von 4 Monaten zwei Verkehrsunfälle ausgelöst hatte. Da EEG's nicht unmmittelbar danach durchgeführt wurden, war der Befund negativ. Erst vier Jahre später konnten beim Augenarzt Störungen im Sichtfeld erkannt werden. Da aber die Augen ok waren, wurde ein MRT angeraten, da die Ursache auf den Nervenbahnen und/oder im Sehzentrum zu suchen war (es gibt natürlich auch noch andere Aspekte). Die Bildaufnahmen sagten genug...:-(
In den darauffolgenden Jahren war ich etwas leichtsinnig (ungünstige Auswirkungen auf die zAVM), wodurch für Personen in meinem Umfeld Anfälle erstmalig sichtbar wurden. Zu dieser Zeit war ich beruflich sehr viel unterwegs... Vertraute hatten kaum die Chance etwas zu beobachten. Letztendlich führten Konzentrationsdefizite zu einer Einschränkung meiner Erwerbsfähigkeit (ab 2010). Erst ab diesen Zeitpunkt setzte ich mich genauer mit meinem Befund auseinander. Selbst wenn in ärztlichen Befunden bei mir der Begriff 'Auren' erstmalig 2002 auftrat, so trat die Diagnose der Epilepsie erstmalig 2014 auf. Ich betrachte sie allerdings als Nebeneffekt.

Jetzt bin ich nicht mehr so oft unterwegs und lebe nicht allein (das Berufsleben ist beendet). Hierdurch konnten schon so einige kritische Situationen gemindert werden. :-)

Deine Frage bezüglich der Anfallskontrolle und des Inneren Ausgleiches würde ich folgendermaßen beantworten. Eine Kontrolle gibt es nicht. Es gibt nur ein 'Davor' und ein 'Danach'. Sollte es bei einem Anfall 'nur' zu einer Bewußtseinseintrübung kommen, so bleiben für dem Betroffenen jegliche Kontrollen unerreichbar. Was die Frage der Auren betrifft ist sehr spekulativ. Ich kann sie registrieren und mein Verhalten anpassen oder sie ignorieren. Anpassen bedeutet hier, ich senke den auf mich einwirkenden Signalstrom (angepasste Aufgabenplanung, Hektik vermeiden, Kontrolle der eigenen Emotionen, mediale Einflüsse begrenzen; Sonderfall bei mir: Blutdruck). Ich hatte Auren auch schon ignoriert. Das geht aber nicht immer gut...Ich durfte dafür auch schon bezahlen.
Ich konnte bei mir die Auren unterschiedlich priorisieren, was auch halbwegs hilft. Ich darf aber dabei nicht vergessen, daß sich Prioritäten auch verschieben können. Letztendlich bin ich gezwungen aufzupassen.

Ich hoffe, ich konnte Dir hiermit ein wenig weiterhelfen.

MfG Morti


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