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Wie schaffen, nicht alles negative auf Epilepsie zu schieben

Mareike, Dienstag, 22. August 2017, 16:21 (vor 62 Tagen)

Liebe Community,

ich habe schon in der Kindheit das Gefühl gehabt, es schwerer zu haben als andere.
Ich stürzte sehr oft. Zuerst an der Hand meiner Mutter, später beim Radfahren. Auch kam es vor, dass ich "einfach so" eine Treppe runterfiel oder vom Pferd stürzte.
Nie konnte ich mir erklären, wie es überhaupt dazu kam.
Einmal ertrank ich fast beim Schwimmen im Meer und einmal fiel mir beim Spielen an einem baufälligen Haus ein Zieglstein auf den Kopf.
Ich sage oft, dass es ein Wunder ist, dass ich meine Kindheit überhaupt überlebt habe, denn einmal geriet ich beim Sturz vom Rad unter ein fahrendes Auto!

Beim Schwimmen und generell beim Sport fielen meine Koordinationsstörungen auf.
Auch war ich schon als Kind in allem extrem langsam und hatte Probleme mit der Feinmotorik. Ich weiß nicht, wie oft meine Eltern ihre Haftpflichtversicherung einschalten mussten, weil ich wieder mal bei Bekannten oder Verwandten etwas - unbeabsichtigt natürlich - kaputt gemacht hatte!

Die Schulzeit war für mich auch sehr schwer. Ich konnte mich oft nicht auf den Unterricht konzentrieren und störte deswegen oft. Bei den Klassenarbeiten wurde ich wegen meines langsamen Arbeitstempos teilweise nicht fertig und machte viele Flüchtigkeitsfehler. Auch hatte ich immer eine langsame Auffassungsgabe und dadurch Lernschwierigkeiten.

Meine Eltern hatten wenig Geduld mit mir und malten meine Zukunft in den schwarzesten Farben. Ich verbrachte viel Zeit bei meiner Oma, die mich liebevoll "Träumerchen" nannte. Bei ihr passierte es auch, dass ich einmal nicht mitbekam, dass die Küche plötzlich voller Qualm war, weil ein Topf auf dem Herd angebrannt war. Ich saß seelenruhig da und war mit einem Buch beschäftigt.

Im Berufsleben habe ich auch nie Fuß fassen können. An jedem Arbeitsplatz fiel ich negativ mit meinem zu langsamen Arbeitstempo, meiner Konzentrationsschwäche, Vergesslichkeit, Verträumtheit und meiner mangelnden Stressresistenz auf.

Ich bin jetzt Ende 30 und in meiner Kindheit machte sich niemand Gedanken darüber, dass mit mir etwas nicht stimmen könnte. Meine Eltern und Lehrer hielten mich für dumm und faul, und das war es.
Erst eine Freundin sagte mir vor Jahren, dass ich versuchen sollte, einen Arzt zu finden, der mir eine Behinderung attestieren würde. Sie hatte ja meine ganzen verzweifelten Versuche im Berufsleben mitbekommen und erlebte meine Defizite oft mit, wenn wir zusammen waren.

Nach einer wahren Odyssee durch diverse Arztpraxen bis hin zur Uniklinik bekam ich im letzten Jahr die Diagnose idiopathisch generalisierte Epilepsie mit Absencen und Myoklonien. Anhand meiner Schilderungen ist sich der Neurologe ziemlich sicher, dass ich die Epilepsie seit meiner Kindheit habe.

Einerseits war ich froh, eine Ursache für meine Probleme gefunden zu haben, doch andererseits hadere ich mit der Diagnose! All meine Defizite, mein ständiges Versagen schiebe ich auf die Epilepsie. Ich denke oft, dass mein bisheriges Leben anders verlaufen wäre, wenn ich diese Erkrankung nicht hätte bzw. man sie frühzeitig erkannt hätte. So habe ich nie die Chancen gehabt, die Nichtbetroffene haben und das macht mich depressiv.

Wie geht ihr mit eurer Erkrankung um?
Wie schafft ihr es, nicht alles, was schief läuft/gelaufen ist, auf die Epilepsie zu schieben?

Viele Grüße,
Mareike


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