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Re: psychogene Anfälle und Medis absetzen

Fred @, Mittwoch, 22. Februar 2006, 18:18 (vor 5041 Tagen) @ Sina

Hallo, eine nicht ganz kurze aber interessante Info:

Was sind nicht-epileptische Anfälle?

Nicht-epileptische Anfälle sind Anfälle ohne epileptische Ursache, das heisst, ihnen liegt keine abnorme Entladung von Nervenzellen des Gehirns zugrunde.


Benennung und Einordnung nicht-epileptischer Anfälle
Nicht-epileptische Anfälle sind aber ebenso Ausdruck einer Krankheit wie epilepti-sche Anfälle, und die eine Form ist nicht schwerer oder echter als die andere. Oft sehen sie sehr ähnlich aus und werden miteinander verwechselt. Da epileptische Anfälle vielen Ärzten geläufiger sind als nicht-epileptische Anfälle, werden nicht-epileptische Anfälle häufiger für epileptische Störungen gehalten umgekehrt. Eine Hauptgruppe nicht-epileptischer Anfälle sind die sogenannten psychogenen oder Pseudo-Anfälle, die manchmal auch als hysterische Anfälle und bei einem wiederhol-ten Auftreten als Hystero-Epilepsie bezeichnet werden.

Pseudoanfälle?
Eine Benennung als Pseudoanfälle ist irreführend und falsch, weil es sich selbstver-ständlich um echte Anfälle handelt, nur nicht um epileptische. Häufig wird Menschen mit psychogenen Anfällen vorgeworfen, sie bildeten sich diese nur ein oder würden fälschlicherweise vorgeben, krank zu sein, obwohl sie tatsächlich genau wüssten, dass sie gesund sind. Oft überträgt sich diese Sichtweise auf die Betroffenen selbst, was dann dazu führen kann, dass sie selbst sich schliesslich sogar Vorwürfe wegen ihrer Krankheit machen. Leider begegnet man bei vielen Menschen und auch Ärzten immer noch geringschätzigen Äusserungen, die psychogene Anfälle als böswilliges und zu verurteilendes Fehlverhalten einstufen, auf das am besten mit Bestrafung re-agiert wird. Dies ist aber nur sehr selten gerechtfertigt. In aller Regel sind psychoge-ne Anfälle unbewusste, nicht der willkürlichen Kontrolle durch die Betroffenen unter-liegende Störungen, die genauso als Krankheitszeichen zu werten sind wie ein Ma-gengeschwür oder hoher Blutdruck. Gelegentlich werden psychogene Anfälle aber auch bewusst vorgetäuscht oder simuliert, um bei Eltern, Partnern, Ärzten oder sons-tigen Bezugspersonen ein bestimmtes Verhalten oder Ziel zu erreichen beziehungs-weise durchzusetzen.

Psychosomatische und somatoforme Störungen
Psychogene Anfälle sind eine seelische Störung, die sich mit körperlichen Aus-drucksformen bemerkbar macht. Dies ist beispielsweise auch bei einem Wutanfall mit Herumtoben und Schreien so, nur dass sich alle Beteiligten dabei über die Ursache im Klaren sind und das körperliche Verhalten nicht an eine Krankheit erinnert. Bei einem psychogenen Anfall liegt die Ursache zunächst oft im Dunkeln und die Störung kann wie ein epileptischer Anfall aussehen.

Psychogene Anfälle sind keine sogenannte psychosomatische Krankheit,
bei der seelische Störungen zu körperlichen Krankheitszeichen (wie einem Magen-geschwür oder Asthmaanfall) führen. Sie gehören zur Gruppe der sogenannten so-matoformen Störungen, bei denen es bei körperlich gesunden Menschen durch see-lische Belastungen zu Beschwerden und Krankheitszeichen kommt, die wie körperli-che Krankheiten aussehen. Ein anderer Fachausdruck für solche Beschwerden ist Konversionsstörung. Konversion kommt aus dem Lateinischen und bedeutet Um-wandeln. Bei den entsprechenden Störungen handelt es sich um eine Umwandlung seelischer Konflikte in körperliche Ausdrucksformen. Neurologen sehen viele Men-schen mit somatoformen Störungen, die zum Beispiel das Sehen, Gehen oder die Sprache betreffen können. Andere Beispiele sind ein Erröten in Stress-Situationen oder Lampenfieber vor Auftritten in der Öffentlichkeit. Die Störungen werden dabei von den Betroffenen aber ebenso wie bei psychogenen Anfällen nicht vorgetäuscht, sondern sind wirklich vorhanden.

Ursachen psychogener Anfälle
Ein psychogener Anfall hat seelische bzw. psychische Ursachen, und ein epilepti-scher Anfall hat körperliche oder organische Ursachen; entsprechend ist ein psycho-gener Anfall im Gegensatz zu einem epileptischen Anfall eine seelische und keine körperliche Störung. Die Ursachen psychogener Anfälle bestehen meist in schweren seelischen Belastungen in der Kindheit und Jugend, die den Betroffenen teilweise nicht bewusst oder erinnerlich sind. Eine Auslösung ist auch bei epileptischen Anfäl-len durch seelische Belastungen möglich und erlaubt keine Unterscheidung.
Psychogene Anfälle treten am häufigsten bei jungen Erwachsenen auf, wobei Frauen etwa dreimal so oft betroffen sind wie Männer.
Es gibt aber durchaus auch psychogene Anfälle bei Kindern und Jugendlichen sowie älteren Menschen. Psychogene Anfälle bei Kindern unterscheiden sich hauptsächlich in den Auslösemechanismen von denjenigen bei Erwachsenen, daneben scheint es auch häufiger zu einer vergleichsweise raschen Rückbildung zu kommen. Oft lässt sich ein besonders belastendes Erlebnis herausfinden, das zum Auftreten der Anfälle geführt hat. Dies kann in körperlichem oder sexuellem Missbrauch in der Kindheit, einer Trennung oder dem Tod eines nahen Angehörigen oder sonstigen belastenden Ereignissen oder Veränderungen bestehen. In der Regel sind diese Erlebnisse nicht offensichtlich oder einfach zu erfragen, sondern müssen durch Psychiater, Psycho-therapeuten oder Psychologen herausgearbeitet werden. Häufig zeigt sich dann, dass diese Ereignisse bei den Betroffenen auch für andere Störungen wie Ängstlich-keit oder Niedergeschlagenheit verantwortlich sind. Ein Vorteil von psychogenen An-fällen gegenüber anderen psychogenen Störungen besteht darin, dass ihre psychi-sche Ursache durch eine EEG-Aufzeichnung im Anfall weitgehend zweifelsfrei nach-gewiesen werden kann.

Unterscheidung psychogener und epileptischer Anfälle
Allein vom äusseren Ablauf her kann es sehr schwer sein, psychogene und epilepti-sche Anfälle voneinander zu unterscheiden. Auch bei einem psychogenen Anfall kann es wie bei einem Grand-mal-Anfall zu einem Hinstürzen und Krampfen bezie-hungsweise Zucken an Armen und Beinen kommen. Ähnlich wie bei anderen Formen epileptischer Anfälle sind auch Störungen möglich, bei denen die Betroffenen vor sich hinstarren und nicht richtig ansprechbar sind. Erfahrene Fachleute können zwar schon aufgrund der Beschwerdeschilderung und körperlichen Untersuchung erste Hinweise auf psychogene Anfälle haben, wie bei epileptischen Anfällen sind aber weitere Untersuchungen zur Sicherung der Diagnose und zum Ausschluss anderer Ursachen erforderlich. Dabei besteht ein Problem darin, dass einige Menschen so-wohl epileptische als auch psychogene Anfälle haben. Ausserdem versagen viele Untersuchungen und Tests auch bei einem Verdacht auf epileptische Anfälle, und ein normales EEG schliesst beispielsweise genauso wenig epileptische Anfälle aus wie es psychogene Anfälle beweist.


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